von Holger Meyer zur Müdehorst

In meiner Arbeit in einer Wohngruppe für Erwachsene mit erhöhtem Förderbedarf spielt die Aufmerksamkeit eine immer wiederkehrende Rolle. Sowohl bei den täglichen Arbeiten wie auch in besonderen Situationen wie Ausflügen oder Konflikten ist sie zentral.

Mein Anliegen ist es, die Menschen für die Aufmerksamkeit zu sensibilisieren. So unternehmen wir bei regelmäßigen Spaziergängen kleinere Aufmerksamkeitsübungen. Dabei bitte ich die Spaziergänger für eine Weile still zu stehen und aufmerksam die sie umgebende Welt wahrzunehmen. Anschließend führt jeder aus, was er erleben konnte. Etwas später stellen wir uns zuerst auf den geteerten Weg und anschließend auf die Wiese daneben, um so nachzuspüren, was dies für einen erlebbaren Unterschied macht. Vielleicht betrachten wir auch einfach ein fließendes und kurz darauf ein stehendes Gewässer und beschreiben qualitative Veränderungen unserer Wahrnehmung und unseres Erlebens. Mit Hilfe solcher Übungen wird deutlich, dass erst durch das bewusste, aufmerksame Nachvollziehen des Szenenwechsels und des sich daraus ergebenden Eindruckes – durch die Veränderung der Umgebung, des Untergrunds und des Wassers – Unterschiede erlebbar werden und sich verschiedene Qualitäten fassen und beschreiben lassen, die ohne den bewussten Vollzug vom (Alltags-)Bewusstsein vollkommen nivelliert worden wären.

Was hat es mit dieser unscheinbaren und doch in aller Munde befindlichen „Kraft der Aufmerksamkeit“ auf sich? Kann man ihr irgendeine signifikante, erkennbare Bedeutung zumessen?

Ausgangspunkt meiner Betrachtungen ist eine Textstelle Georg Kühlewinds. Dieser führt in seinem Buch „Aufmerksamkeit und Hingabe“ aus, dass die Aufmerksamkeit etwas mit dem menschlichen Bewusstsein zu tun hat und dass der Mensch ihrer erst gewahr wird, wenn er über ein sogenanntes Selbstbewusstsein und damit auch über ein Erinnern verfügt. Er stellt fest, dass die Aufmerksamkeit selbst schwer zu greifen ist, weil sie sich der Wahrnehmung entzieht. Sie stellt sich als unsichtbares, vermittelndes Medium zwischen den Betrachter und seine Innenwelt bzw. zwischen den Betrachter und die ihn umgebende Außenwelt. Bei Kühlewind wird die Aufmerksamkeit zum natürlichen Gebet, welches wir an unsere eigene, innere Wahrheit richten[1].

Die Darlegungen Kühlewinds haben Konsequenzen. Wage ich ausgehend von seinen Ausführungen einen Sprung und Vorblick, eröffnet sich mir diese Perspektive: Die Aufmerksamkeit verhilft dem Menschen zu seinem Mensch-Sein, aus ihr leitet sich alles für den Menschen Wesentliche ab. Die Richtigkeit dieser Aussage soll im Weiteren mit Hilfe der Beobachtung der Aufmerksamkeit begründet werden.

Kühlewinds Frage nach der Erfahrbarkeit der Aufmerksamkeit ermutigt mich folgenden Weg zu beschreiten. Indem ich die Aufmerksamkeit befrage, umkreise und belausche, versuche ich regelrecht mit Aufmerksamkeit der Aufmerksamkeit auf die Schliche zu kommen. Die dafür angemessene Form erscheint „ein Gedicht an die Aufmerksamkeit“ oder eben. „ein Versuch über die Aufmerksamkeit“.

Meine erste Annäherung ist die Beobachtung, wie Aufmerksamkeit wirkt. Dafür vergegenwärtige ich die Aufmerksamkeit in mir, verstärke und verdeutliche sie, betrachte sie von „innen“ und außen“, lasse sie sich aussprechen und beobachte die Wirkungen, die von ihr ausgehen. Meine Vorgehensweise ist dabei ein reines Beschreiben der Phänomene in Form von inneren, seelischen Vorgängen.

Mein erster Eindruck bei der Beobachtung der Aufmerksamkeit ist, die Aufmerksamkeit schafft und steigert Bewusstsein in mir. Dieses neue oder zusätzliche Bewusstsein öffnet einen „unsichtbaren Raum“, der frei von Eigenintention ist und doch so etwas wie „Ich-Kraft“ als Hintergrund- oder Haltekraft hat. Es ist fast so, als würde dieses „Ich“ sich in die Aufmerksamkeit hinein senken oder begeben.

Dadurch kreiert die Aufmerksamkeit so etwas wie einen Bewusstseins-Freiraum. In diesem bin ich wach, anwesend, gegenwärtig, bereit, offen im Dasein und Werden.

Die Aufmerksamkeit ist ein Bewusstseinszustand, der mit Wachsein, Gegenwärtigkeit, Offenheit und Hingabe verbunden ist. Diese Hingabe lässt sich ein, nicht träumend, sondern bewußt.

Wenn ich in die Aufmerksamkeit hinein spüre, empfinde ich sie als ein Geschenk an mich, an mein Gegenüber, an die Welt. Die Aufmerksamkeit ist selbstlos, sie will nichts für sich, sie stellt sich zur Verfügung und bringt hervor. Am warmen Strom der Aufmerksamkeit kann sich mein Gegenüber aufrichten.

Damit schließe ich den introspektiven Blick auf die Aufmerksamkeit und beleuchte sie in weiteren Zusammenhängen.

Im Gegensatz zur Aufmerksamkeit, die einen weiten, offenen Raum schafft, ist die Konzentration fokussiert und auf einen Punkt gerichtet. Die Aufmerksamkeit lässt zu, die Konzentration grenzt aus, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Eine besondere Kunst ist das Zusammenwirken von Konzentration und Aufmerksamkeit. Am Beispiel eines Orchesters soll dies verdeutlicht werden. Je mehr es jedem einzelnen Musiker gelingt, die Konzentration auf sein Instrument oder seine Stimme mit einem Bewusstsein, also mit Aufmerksamkeit für das Ganze zu verbinden, umso kunstvoller und gelungener ist die musikalische Aufführung. Sergiu Celibidache, rumänischer Dirigent, Musikphänomenologe und Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker von 1979 bis 1996, war in dieser Disziplin und Schulung der Orchestermusiker ein unübertroffener Meister, der seine Konzerte zu erschütternden, einmaligen Klangerlebnissen machte.

Zwischen der Achtsamkeit und der Andacht nimmt die Aufmerksamkeit so etwas wie eine Mittelrolle ein. Während die Achtsamkeit die Tätigkeit und das praktische Tun begleitet, wendet sich die Andacht lauschend, betend nach „oben“ und „innen“.

Die Aufmerksamkeit ist eine menschlich Kraft, innen und außen, oben und unten verbindend, den Menschen ganz in das „Hier und Jetzt“ der Welt stellend. Das heißt, in der Aufmerksamkeit bin ich ganz Mensch. Die Aufmerksamkeit rückt mich zurecht, indem sie die richtige Gestimmtheit, die passende Empfänglichkeit schafft.

Denn sie stellt die Bedingungen her, damit ich aufmerke, auslote, wahrnehme, nachspüre, korrigiere, zulasse, befrage, erkenne, mich interessiere, verstehe, verbinde, begleite, ermögliche, anerkenne, bejahe und würdige. Sie ist jetzt…jetzt…jetzt noch immer, sie verleiht dem Augenblick Dauer.

Die Aufmerksamkeit ist demnach ein Werkzeug des menschlichen Geistes, um diesem einen „doppelt freien Innenraum“[2], frei von inneren und äußeren Störungen zu schaffen, einen Anwesenheits-, Offenbarungs- und Bewusstwerdungsraum.

Es ist möglich Georg Kühlewinds „Aufmerksamkeitsverdichtung“ in einen größeren Kontext zu stellen, in eine Reihe von Persönlichkeiten und Strömungen, gewissermaßen Sonnen auf dem Aufmerksamkeitshimmel, die die Aufmerksamkeit zum Leitmotiv ihres Handelns und ihrer Lebensphilosophie erhoben haben. Diese reichen von der buddhistischen Praxis des Zen, in der die Schulung der Aufmerksamkeit seit Jahrhunderten vollendet blüht und zum Schlüssel der „Erleuchtung“ wird, bis zu Sergiu Celibidache, der gleichermaßen vom Zen[3] wie von der Phänomenologie Edmund Husserls[4] beeinflusst. Ihn durfte ich bei öffentlichen Probearbeiten und Konzerten im Münchner Gasteig mit unverwechselbar transparenten und transzendenten Aufführungen von Bruckner und anderen Symphonien erleben.

Der Komponist und Dirigent Elmar Lampson nutzt die Kraft der Aufmerksamkeit im aktiven, aufmerksamen Hören, um die Ohren seiner Zuhörer für die zeitgenössische, atonale Musik zu öffnen[5] . Außerdem gehört der österreichische Schriftsteller Peter Handke dazu, der mit seinem „Gedicht an die Dauer“[6] und seinem „Versuch über den geglückten Tag“[7] sozusagen Aufmerksamkeitshymnen verfasste.

Auch Eckart Tolle erlebt in der Aufmerksamkeit die Kraft der Gegenwart und widmete ihr einen Leitfaden zum spirituellen Erwachen[8].

Schließlich der Wirtschaftswissenschaftler Claus Otto Scharmer, der die Aufmerksamkeit in seiner Wortschöpfung „Presencing“[9] als Möglichkeit zum Lernen aus und für die Zukunft sieht. Mit seiner Methode führt er soweit in ein „Erspüren der Gegenwart“ hinein, das sich „Tore“ öffnen und in der Gegenwart das Zukünftige bereits erfahrbar wird.

Meine Ausführungen wollen zeigen, dass die These, die Aufmerksamkeit verhilft dem Menschen zu seinem Mensch-Sein, indem sich aus ihr alles für den Menschen Wesentliche ableitet, auf einer nachvollziehbaren, realen Grundlage steht. Denn mit Hilfe der Aufmerksamkeit erschließen wir uns eine Kraft für persönliche, politische, ökonomische und globale Veränderungs- und Wachstumsprozesse aus einer neuen, weil verwandelten und geklärten (geheilten) inneren Haltung.


[1]               Georg Kühlewind: „Aufmerksamkeit und Hingabe“, S. 13, Freies Geistesleben, 2002

[2]               Edwin Hübner:“ Imaginationen im virtuellen Raum, Technik und Spiritualität – Chancen eines neuen Jahrhunderts“, S. 82, Frankfurt a.M. 2008

[3]               Sergiu Celibidache „Verstehende sind schwer zu finden – Lebensfragen in buddhistischer Sicht“, im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 28.Juli 1962

[4]               Sergiu Celibidache, „Über musikalische Phänomenologie“, Ein Vortrag und weitere Materialien, Reihe: Celibidachiana I: Werke und Schriften, Band 1, 2008

[5]               http://www.uniwh.de/university/personenverzeichnis/details/show/Employee/lampson/details/vita/

[6]               Peter Handke „Gedicht an die Dauer“, Bibliothek Suhrkamp, Frankfurt/Main,1986

[7]               Peter Handke „Versuch über den geglückten Tag- Ein Wintertagtraum“, Suhrkamp, Frankfurt/Main,1991

[8]               Eckart Tolle: Jetzt! Die Kraft der Gegenwart: ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen, J. Kamphausen / AURUM, 2000

[9]               C. Otto Scharmer: „Theorie U – Von der Zukunft her führen, Presencing als soziale Technik“, Carl-Auer Verlag, 4. Aufl. 2015