Dieser Artikel ist weniger eine abgeschlossene Analyse, als vielmehr der skizzenhafte Auftakt einer Reflexion auf Kulturphänomene, die durch die moderne Medientechnologie unmittelbar auf unsere Lebenswelt wirken. Diese phänomenologisch inspirierten Betrachtungen sind nicht als durchredigierte Artikel, sondern als Skizzen angelegt, die aktuell auf gegenwärtige kulturelle Ereignisse eingehen und in ihrer Unfertigkeit zum Mitwirken an ihrer Verfeinerung einladen sollen. Sie sind Hinweise, Wegweiser für Streifzüge durch ein Verstehenwollen unserer Zeit.

In Vorfreude auf Ihre Beiträge zu diesem Diskurs: Jannis M. Keuerleber

younow

 

Die Website www.younow.com erobert in den letzten Wochen und Monaten rasant die Bildschirme und Kameras auch hier in Deutschland. Am meisten Zuspruch hat sie und die zugehörige Smartphone-App in Japan und den USA bisher gefunden, doch andere Länder wie Südkorea und, vorne mit dabei, ebenso Deutschland, ziehen nach.

Der Name ist hier Programm: Angelehnt an den Webgiganten YouTube verspricht es eine Videoplattform, doch jetzt aktuell und live! Videos werden nicht „hochgeladen“ sondern „gestreamt“ – und das zumeist direkt aus dem Zimmer der vorwiegend jugendlichen Nutzer. Beim Betreten der Seite wird der Nutzer gefragt, ob er jünger, der älter als 13 Jahre ist. Das verrät schon viel, denn klickt man sich durch die zahllosen Kanäle, d.h. live gestreamten Videos, trifft man fast durchgehend auf eben diese Altersgruppe von etwa 14 jährigen Jungs und Mädchen, die Hunderten oder Tausenden Zuschauern einen gegenwärtigen Einblick in ihr Leben gewähren.

Doch was geschieht auf dieser Plattform, dass sie sowohl auf die Zuschauer, als auch bei denjenigen, die sich dort für ein rasantes und unbekanntes Publikum öffentlich machen, eine solche Anziehungskraft ausübt? Zugegeben, inhaltliche Relevanz und Brillanz oder gar Originalität kann nicht entscheidend sein, denn diese sind hier kaum zu finden. Ich möchte dieses Phänomen hier aus den zwei entscheidenden Perspektiven betrachten und verstehen lernen: der, der Zuschauern und der, der „Streamern“

Das Leben der Anderen

Was also motiviert mich, z.T. stundenlang anderen Menschen dabei zuzuschauen, wie sie meist hastig auf die rasend eingehenden Chatnachrichten, auf die fast immer gleichen Fragen in knappen, unkonzentrierten Sätzen antworten: Wie alt bist Du? Wo wohnst Du? Was machst Du s0? Hast Du einen Freund? Zeig mal Deinen Bauch!

Natürlich passen die raschen, immer neuen Trigger durch die Chatnachrichten, bei inhaltsarmer und anspruchloser Voyeuristenkost auf unzähligen Kanälen, durch die ich zappe, wunderbar in die Klickkultur von YouTube-Junkies und Seriensüchtigen. Ein wenig Boulevard, kein Anspruch und das Gefühl, an irgendetwas teilzuhaben, ohne dabei selbst sichtbar werden zu müssen. Am Leben anderer teilhaben zu können, ist fast ein wenig so, wie es selber leben. Angesprochen werden, von einem Menschen, den ich häufig täglich ein, zwei Stunden per Video verfolgen kann, ist fast ein wenig so, wie menschliche Beziehungen pflegen. Parasoziale Beziehungen nennt das die Psychologie und Soziologie und verweist damit vor allem auf die besondere Art der Asymmetrie dieser menschlichen Beziehungen. So sehr ich den Anderen beobachten kann, so wenig sieht er mich. So sehr ich ihn positiv oder negativ mit kurzen Chatnachrichten stimulieren kann oder mich entscheiden kann, im Verborgenen nur der Zuschauer Nummer 768 zu bleiben, so sehr ist der Andere auf mich angewiesen. Mein nächster Kanal ist nur einen Klick weit entfernt.

Ein scheinbares Leben und Pseudo-Beziehungen, maximale Unverbindlichkeit und scheinbare Anonymität. Ich begegne einem Gesicht, das meines nie zu Gesicht bekommt.

Doch, je länger man das Geschehen verfolgt, desto deutlicher wird: die wichtigste Währung auf YouNow sind die Zuschauer. Und die meisten Zuschauer erhalten rasch diejenigen, die das tun, was ihr Publikum von ihnen verlangt. Das heimliche Versprechen, oder nur die Möglichkeit, einen anderen Menschen mit ein paar Tastenanschlägen steuern zu können, übt eine verführerische Faszination aus. Ein Versprechen, das der Computertechnologie in die Gene eingeschrieben ist. Mit kaum physischem Aufwand steht mir die ganze Welt offen – zuerst die der Informationen, dann die virtuellen Welten von Computerspielen, in denen ich mit Maus und Tastatur die vollständige Macht über einen Avatar, meine Spielfigur, erhalte und nun zunehmend unter dem Stichwort „Internet der Dinge“ soll der Zugriff auf die „reale Welt“ gewonnen werden. Eine Pizza online zu bestellen ist da schon kalter Kaffee. Ein wenig wenig können wir hier beobachten, wie Menschen selbst zum Ding des Internets werden.

Dieses Phänomen einmal zu Ende gedacht haben das Regie-Duo Mark Neveldine und Brian Taylor mit dem Film Gamer, in dem es Spieler auf der ganzen Welt in einem „Computer-Spiel“ (Slayers) ermöglicht wird, reale Menschen, denen ein Kontrollmodul implantiert wurde, durch ein Spiel auf Leben und Tod zu steuern. Selbstverständlich sind diese lebendigen Avatare Strafgefangene, die auf ihre Hinrichtung warten und den letzten Überlebenden des Gemetzels lockt die Freiheit. So viel zu einer Ethik der menschlichen Avatare, zu denen im Verlauf des Filmes natürlich die ganze Menschheit werden soll.

Nun kann das YouNow Publikum selbstverständlich nicht diese Form von Gewalt auf ihre Streaming-Stars ausüben – und dennoch werden diese gerade dann besonders attraktiv wenn sie „ganz freiwillig“ ihren Willen dem der Zuschauer unterwerfen.

Spieglein, Spieglein

Suche ich für gewöhnlich den Kontakt mir anderen Menschen im Gespräch, wendet sich meine Aufmerksamkeit dem Anderen zu. Ich blicke mein Gegenüber an, lausche seiner Stimme am Telefon, lese seine Nachrichten auf dem Handy. Wir befinden uns auf der selben medialen Eben. Wenn ich ihn sehe, sieht er mich, wenn ich ihn höre, er mich…

Was geschieht nun, wenn ich selbst auf YouNow online gehe? Ich sehe nicht „Dich“ – eine Flut von Nachrichten veranlassen mich wie kontinuierliche Stimuli beständig zu irgendwelche Antworten oder Handlungen. Doch für mehr stehen sie auch nicht, keine Individuen, keine anderen Menschen, für die ich ein Interesse entwickeln könnte, treten hier mit mir in Kontakt, sondern eine anonyme Masse, die mir gerade genug Anregung bereitet, dass ich nicht auf mich selbst zurückgeworfen werde. Innerlich. Denn äußerlich ist genau dies der Fall: Ich spreche keinen anderen Menschen an, sondern betrachte mein eigenes Spiegelbild: das Bild, das meine Laptopkamera von mir aufnimmt und in das weltweite Netz strahlt. Dieses eigene Abbild ist mein Gegenüber das ich ansehe und das leicht an mir vorbei schaut. Die kleinen Justin Bieber Kopien und stark geschminkten Mädchen-Duos mit Smartphone in der Hand, verraten diese beständige Selbstvergewisserung an sich selbst durch ihr andauerndes Zurechtstreichen der Frisur und Kleidung.

Es ist hier nicht erstaunlich, dass YouNow gerade diese Altersgruppe wie ein Lauffeuer erobert, während andere Generation hauptsächlich kopfschüttelnd das Phänomen zur Kenntnis nehmen, sofern ihnen es überhaupt auffällt. Es ist gerade diese Zeit in der Biographie eines Menschen, in der sich die Frage und Herausbildung einer eigenen Identität zur rasanten emotionalen Achterbahnfahrt entwickelt. Im Sozialen werden nun Freunde genau ausgewählt, aber noch mehr, mit wem man auf keinen Fall befreundet sein kann. Erste Versuche seine Identität in einer neuen Zugehörigkeit zu einer Clique, einer Mode, einem Fan-Kollektiv eines Teenie-Stars zu finden, nachdem die naturgegebene Ordnung, ein Mitglied der eigenen Familie zu sein, wie durch ein biographisches Gesetz nicht mehr trägt.

Doch gleichzeitig bleibt die dumpfe Ahnung, dass die eigene Identität sich nicht wirklich lediglich durch Zugehörigkeitsgefühle finden lässt. So begeben wir uns auf einen langen Weg, der uns über viele Jahre im Spiegel unseres Handelns, unserer sozialen Beziehungen und vielleicht einer neuen Familie, die wir selbst begründen, vielleicht irgendwann selbst erkennen lernen. Zumindest finden wir eben diese Sehnsucht in den stillen Momenten, wenn wir hinter dem Rauschen des Alltäglichen auf die Töne unserer Biographie lauschen. Die Worte „Erkenne Dich selbst“ die über den Eingang des delphischen Tempels wachten, waren nicht nur kultureller Imperativ, sondern auch Ausdruck eines tiefen menschlichen Strebens.

Wenn also in einem jungen Leben sich diese Suche so spürbar initiiert wie im Anbruch der Pubertät, dann findet das Phänomen YouNow in eben diesem Moment einen weit geöffneten Zugang zu den seelischen Bedürfnissen einer Generation, die in einer Kultur schwindender realsozialer Beziehungen, Kurznachrichten- und Facebook-Freunden, Phantasiewelten von Computerspielen und Medienkindergärten ihr Zuhause findet.

 

„Spieglein, Spieglein“ oder „Das Leben der Andere“ | Das Phänomen YouNow
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