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Bewusstseinsforschung ist eine Art Ausnahmesituation unseres Daseins. Für gewöhnlich richten wir unsere intentionale Aufmerksamkeit auf etwas, um von diesem Etwas ein Bewusstsein zu erlangen. In der Bewusstseinsforschung tritt nun ein Sonderfall ein: Beobachtung und das Beobachtete fallen in eins. Wir wollen Bewusstheit über unser eigenes Bewusstsein erlangen. Anders gesagt, wir werden Zeuge unserer eigenen Bewusstseinsprozesse. Das ist eine sehr schlichte Feststellung – mit weitreichenden Konsequenzen.

Was nehmen wir dabei in den Blick? Nehmen wir ein Gespräch als Beispiel. Ich unterhalte mich mit jemandem. Wende ich dabei (oder im Anschluss) meine Aufmerksamkeit auf die Weise, wie ich bewusstseinsmäßig beteiligt bin, ist nicht mehr allein der Gesprächspartner und der Inhalt unseres Dialoges Gegenstand der Beobachtung, sondern auch die Qualität, wie ich diesen zugewandt bin, welche Prozesse innerlich durch sie angestoßen werden und vielleicht sogar, wie ich schließlich zu einem Verstehen oder auch Nicht-Verstehen des Anderen komme. Ja, ich kann sogar unterscheiden lernen, wie ein Missverstehen, sich von einem wirklichen Verständnis unterscheidet.

Ich werde also Zeuge, nicht nur meiner eigenen Bewusstseinsvorgänge, sondern auch, wie die soziale Wirklichkeit unserer Interaktion entsteht. Das kann einerseits helfen, um bspw. nachvollziehen zu können, wie ein Konflikt entstand, aber noch mehr: Gelingt es mir, diese hohe Intensität und Weite meines aufmerksamen Blickes auf die Situation gegenwärtig zu halten, habe ich ein deutlich weiteres Handlungsspektrum, um einen Konflikt sich erst gar nicht verfestigen zu lassen. Denn ich kann meine Bewusstseinshaltung verwandeln. Wenn mir der Moment gewahr wird, an dem ein gemeinsames Verständnis, eine gemeinsame Sprache verloren gegangen ist (was eben viel häufiger als vermutet der Fall ist) und ich die Prozess meines Bewusstseins kenne, die zu einem tieferen Verstehen beitragen, kann ich unmittelbar an der Quelle eines wachsenden gegenseitigen Verständnisses ansetzen. Denn das ist doch ein Geheimnis des Sozialen: Wo ich beginne, Dich zu verstehen, lade ich auch Dein Verstehen von mir ein.

So weit die Theorie. Die Praxis zeigt, dass diese erhöhte und mehrdimensionale Aufmerksamkeit nicht leicht zu entwickeln und noch schwieriger aufrecht zu erhalten ist. Das hat zahlreiche Gründe.

Zum einen sind wir darin geschult, die Welt als gegeben, als fertig wahrzunehmen. Wie die Wirklichkeit, in der wir leben in jedem Moment durch unsere eigenen Bewusstseinsprozesse hervorgebracht, gestaltet, bedeutet und strukturiert wird, ist vielleicht passives Wissen, aber selten eine gegenwärtige Wahrnehmung. Doch an dieser Wirk-lichkeit der Welt, am Gewahrsein ihrer Entstehung, erwacht „der Zeuge.“

In dem Workshop „Das Erwachen des Zeugen an der Wirklichkeit der Welt“¹ war das Ziel, diese Phänomene zu untersuchen und das Bewusstsein des Zeugen zu üben. Das bedeutet, die Aufmerksamkeit auf die geschehenden Bewusstseinsprozesse zu lenken.

Begonnen haben wir mit einer schlichten Übung: Ein Ton wurde angestimmt und sollte von einem Teilnehmer zum nächsten im Kreis aufgegriffen und „weitergegeben“ werden. Jeder hatte dabei die Aufgabe, den Nachfolgenden in der eigenen Aufmerksamkeit und dem eigenen Singen so lange zu halten, bis der Ton sicher übernommen war. Ein erster Schritt war also, den Ton des Vorsängers in sich zu finden, in Resonanz zu treten und selbst in Klang zu bringen. Ein zweiter, meine Aufmerksamkeit einerseits zu halten, um den Ton nicht zu verlieren und sie andererseits meinem Nachsingenden so zuzuwenden, dass dieser übernehmen konnte. Auf diese Weise wurde eine sinnlich wahrnehmbare und in diesem Sinne gegebene Realität eines gleichermaßen klanglichen wie sozialen Ereignisses geschaffen.

Anschließend unternahmen wir natürlich die Anstrengung, unseren Blick auf die Prozesse zu richten, die an der Entstehung dieser Realität beteiligt waren. Es fiel beispielweise auf, wie im ersten Schritt schon ein gegenseitiges Verstehen gelingen musste. Jeder musste klanglich und stimmlich den Ton, den es zu singen galt erkennen – und erkennen bedeutet, ihn innerlich wie auch äußerlich selbst hervorbringen zu können. Eine spannende Erkenntnis für sich. Das wurde besonders deutlich, wo der Ton von einem Mann zu einer Frau, oder umgekehrt, gegeben wurde und eine Oktavierung stattfand. In der eigenen, anderen Stimmlage, musste ich „das Gleiche“ finden. Identität im Verschiedenen – ein intuitives musikalisches Verstehen, das keiner Musiktheorie, aber einer gesanglichen Praxis bedarf, die etwas wie musikalische Ideen in mir heranbildet. Nichts anderes sind Töne, Intervalle und ihre Verwandten. Auch musikalisches Nicht-Verstehen konnten wir erleben und die damit einhergehende Erfahrung von Trennung/Vereinzelung, Frust und Schmerz.

Dann fiel auf, wie dort, wo der Strom einer hingebungsvollen Aufmerksamkeit abbrach – weil ich noch zu sehr mit meinen Versuchen, den rechten Ton zu finden beschäftigt war, als ich ihn eigentlich schon weitergeben wollte – brach auch die äußere Kontinuität des Klangs und die „Übergabe“ misslang. Es ist fast überflüssig anzumerken, dass diese Prozesse natürlich auch Beziehungsqualitäten innerhalb der Gruppe beeinflussten und eine soziale Realität gestalteten. Spürbar wurde das unter anderem in sich sehr rasch entwickelnden Empfindungen von Sympathie und Antipathie, deren Quelle aber erst gar nicht so leicht ins Bewusstsein zu heben ware.

Wir brachten diese, durch die erste Übung entstandene soziale Gestalt in ein Bild, indem wir gemeinsam, und doch jeder individuell, eine neue Sitzordnung suchten, die dieser neuen Struktur möglichst entsprechen sollte. Das Unsichtbare in die Sichtbarkeit heben.

In einer dritten Übung griffen wir einen Satz von Rudolf Steiner auf, den Johannes Wagemann in seinem Vortrag angesprochen hatte: Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens.

Als Aufgabe stellten wir uns: Den Satz innerlich zu vergegenwärtigen. Nicht über ihn nachzudenken, sondern ihn zu denken, die Bewegung aufzugreifen und zu intensivieren, in die er die denkende Aktivität versetzt. Eine Art Bewegungsgestalt des Satzes und der Prozesse, die er anstößt gewahr zu werden. Ein empfindendes Denken konnten wir verstärkt wahrnehmen, als wir begannen, einzelne Worte probeweise zu verändern und dabei zu beobachten, wie sich das Erleben des Gedankens verändert, wenn es beispielsweise heißt: Ich denke mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens. Gerade an diesem Kontrast, konnte die Sinnempfindung der ursprünglichen Formulierung deutlicher hervortreten.

Schließlich, in einem letzten Schritt, ging es darum, nach und nach, die einzelnen Worte aufzulösen, dabei die Veränderung der Bewegungs-und Empfindungsgestalt des Satzes zu beobachten und dabei jedoch die „lesende“ Aktivität selbst dann noch aufrecht zu erhalten, nachdem alle Worte aufgelöst waren. Immer in dem Bewusstsein dessen, was mir selbst dann noch gewahr war.

Diese letzte Übung fasste also alle vorhergehenden Elemente zusammen. Die Aufmerksamkeit wurde auf ein Gegebenes, einen Satz gerichtet, gleichzeitig aber auch auf das, was nicht gegeben ist: die eigenen Bewusstseinsaktivität selbst, die die Erfahrungswirklichkeit und das Verstehen des Satzes hervorbringt. Gleichzeitig wurden wir aber auch zum bewussten Mitgestalter dieser Aktivität, wobei gleichzeitig eine eindrückliche Erfahrung war, welche unerwartete eigene Intelligenz diese in sich trägt. Sie wusste nicht nur ohne weitere Anleitung, wie die Bewusstseinsprozesse zu führen und auszuführen waren, also, wie wir eigentlich denken, empfinden und sogar dann noch „lesen“, wenn überhaupt keine Worte mehr vorhanden sind (zumindest dieser letzte Punkt war eine Tätigkeit, die kein Teilnehmer aus vorheriger Erfahrung hätte ableiten können). Es wurde auch klar, dass ein tieferes Verstehen dieses gegebenen Satzes aus dieser Aufmerksamkeitsaktivität selbst heraus sich bildete, was mit einer Empfindung einherging, die am ehesten einem Erinnern entspricht.

Wenn man diese Erfahrungen nun von der sozialen und meditativen Praxis auf die Forschung überträgt, liegt der Schluss nahe, dass sich mit der Bewusstseinsforschung in diesem Sinne nicht nur spannende Erkenntnisse über das Wesen des Menschen auftun, sondern die Forschung selbst an Erkenntnistransparenz- und tiefe gewinnt. Ebenso wie das an dem wachsenden Verstehen der Phänomene des Singens und des Meditationssatzes erfahrbar wurde.

Jannis M. Keuerleber

¹gehalten auf einem Kongress in Berlin: „Psychologie, Bewusstseinsforschung und Heilung im Kontext westlicher Spiritualität“

Praxis der Bewusstseinsforschung und ihr Potenzial
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