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Tagungsbericht: Wissenschaft | Spiritualität | Heilung

Psychologie, Bewusstseinsforschung und Heilung im Kontext westlicher Spiritualität in Berlin


Die Trennung zwischen Kunst, Spiritualität und Wissenschaft hat seit der Aufklärung bis heute an Tiefe zugenommen. Das betrifft insbesondere auch die akademische Psychologie und Medizin, deren Menschenbild einerseits weitgehend ohne Seele und andererseits ohne Begriff vom Lebendigen operiert. Der Kongress „Psychologie, Bewusstseinsforschung und Heilung im Kontext westlicher Spiritualität“ bot Mitte März für insgesamt etwa 170 Tagungsteilnehmer ein Forum, dieses Spannungsfeld zu erkunden. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie in allen Forschungs- und Praxisbereichen, bis in Heilungsprozesse hinein, ein Bewusstsein des Bewusstseins entwickelt werden kann und worin eine Spiritualisierung dieser Bereiche bestehen würde.

Angesichts der Vervielfachung der Drittmittel, die Universitäten in den letzten vier Jahren für Forschungen im Bereich Meditation einwerben konnten, könnte der Eindruck eines Wendepunktes dieser Entwicklung entstehen. Bei genauerem Blick fällt jedoch auf, dass westliche Traditionen und Praktiken kaum Gegenstand der Studien sind, sondern im Wesentlichen nur verwestlichte Versionen östlicher Wege, wie bei der Mind-Fulness-Based-Stress-Reduction (MBSR). Den Probanden werden in diesen Programmen Elektroden angelegt, in Kernspintomographen werden Vitaldaten gemessen und Befragungen sollen Aufschluss über die Wirkung der Meditationspraxis auf das Befinden und das alltägliche Leben geben. Doch der eigentliche Untersuchungsgegenstand, die Bewusstseinsprozesse des Meditierenden selbst, bilden einen blinden Fleck, da der Forscher nur aus der Perspektive einer dritten Person einbezogen ist, diese Phänomene jedoch in der Regel nur im eigenen Bewusstsein beobachtbar sind. Die Veränderung der Aufmerksamkeitsqualität beispielsweise wird so höchstens in ihren Wirkungen, nicht aber selbst erfasst. Auch die Problematik, dass für die scheinbar objektiven Erkenntnisse einer naturwissenschaftlichen Forschung ebenfalls die menschlichen Erkenntnisvorgänge, die zu ihnen führen, mit einbezogen werden müssen, ist bisher nicht gelöst. Für den akademischen Blick beginnt vielleicht gerade hier eine notwendige Durchdringung von Spiritualität und Wissenschaft, denn die Schulung des Denkens ist insbesondere hier im Westen seit Jahrtausenden integraler Bestandteil spiritueller Schulung. Durch den Vortrag von Jochen Kirchhoff wurde Schelling als ein Repräsentant westlicher Geistesforschung in diesem Sinne lebendig, der Natur und Mensch von einer großen Intelligenz durchdrungen verstand, die sie auf dem Weg der Erkenntnis inniglich verbindet. Bernd Senf ergänzte am selben Abend sehr passend durch seine Darstellungen zu Wilhelm Reich, wie dieser durch strenge und hingebungsvolle Beobachtung auf naturwissenschaftlicher Grundlage, die Lebenskräfte im akademischen Kontext wiederentdeckte.

Der Impuls, westliche Spiritualität als Schulungsweg in den Blick zu nehmen, könnte die gegenwärtigen Forschungsmethoden um einen bewusstseinsphänomenlogischen Ansatz ergänzen. In diesem Sinne eine „geistige Hygiene“ zu betreiben, war Harald Walach im Auftaktvortrag ein ernstes Anliegen. Er verwies dazu auf die Bedeutung der leiblichen Hygiene für die Medizin, deren Förderung mehr Leben retten konnte, als jede andere medizinische Innovation. Es wurde deutlich, dass Spiritualität nicht nur esoterische Befindlichkeitsstimulation sein will, sondern immer auch wissenschaftliches Erkenntnisstreben an den inneren Zusammenhängen der Welt. Dafür müssen jedoch die Erkenntnisfähigkeiten- und Sensorien verfeinert werden.

Dass es an einer psychologischen Fakultät immer noch als Affront oder Selbstdiskreditierung gilt, von Seele zu sprechen, führte Ulrich Weger eindrücklich aus. Hier den Dialog mit dem Mainstream und seiner festen Grundlage einer naturwissenschaftlich gefestigten Methode nicht abbrechen zu lassen, sondern anschlussfähig zu bleiben, wurde bei Weger als essentielles Anliegen erkennbar.

Johannes Wagemann brachte die Bewusstseinsentwicklung in Zusammenhang mit den Krisen in der Welt und kennzeichnete Spiritualität als Streben nach der Einheit, angesichts der Trennungserfahrung. Er schilderte, wie der Meditationssatz Steiners: Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens, – letztlich nur aus der Krise des Getrenntseins gebildet werden konnte.

Volker Fintelmannn schilderte in einem biographisch anschaulichen Vortrag, dass eine spiritualisierte Heilpraxis durch ein intuitives Verstehen ebenso geleitet wird wie durch ein gewissenhaftes, wiederholtes Beobachten der Lebensprozesse und Krankheitsphänomene. Ärztliches Wirken kommt zudem nicht ohne die Qualitäten der Demut und Gnade aus. Im Bewusstsein, dass nicht ich es bin, der heilt, liegt der Weg zu einer Durchchristung der Medizin.

Vor diesem Hintergrund entwickelte Andreas Meyer, wie die Fähigkeit zur Intuition geschult werden kann, da sich diese offensichtlich nicht ohne weiteres einstellt. In der Auseinandersetzung mit der Frage „Was heilt?“ gab Meyer eine klare Orientierung, wo die Antwort zu finden sei: in der Schulung der freien Aufmerksamkeitskräfte als therapeutische Fähigkeit. Denn die von ihm zitierte Forschungslage legt nahe, dass weder Mittel noch Methode letztlich über den Erfolg einer Therapie entscheiden, sondern die Heilungswirkung, die sich in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient realisiert. Der dazu notwendige spirituelle Schulungsweg des Forschers und Therapeuten bildet die Fähigkeiten, sich eindenken, einfühlen und einwollen zu können als therapeutische Basisfähigkeiten.

Diesen Faden griff Isabelle Val De Flor mit ihrem Vortag über „Heilung in den Evangelien“ zum Abschluss der Tagung wieder auf und knüpfte ihn zu einem feinen Gewebe. In den geschilderten biblischen Heilungen, war es das Christus-Wort, das an das Menschen-Ich gerichtet war, der Logos der zum werdenden Menschen spricht, was heilt. Von göttlichem Sinn durchlichtete Aufmerksamkeitskraft heilte den, der Wille in Glaube erhöht, seine Wunde dem Licht der Zeugen offenbart und der bereit ist, zu tiefer Verwandlung.

In der Abschlussrunde wurde als entscheidende Qualität des Kongresses eine multiperspektivische Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema hervorgehoben. Hier könnten sich Rudolf Steiners Ausführungen zu den zwölf Weltanschauung als fruchtbarer Forschungsimpuls erweisen. In einem ersten Schritt war es gelungen, die zukunftsweisende Beziehung von Wissenschaft und Spiritualität herauszuarbeiten. Dies für die Kunst neu zu explizieren, macht Lust auf den nächsten Schritt. Spürbar blieb am Ende der Wunsch nach Fortsetzung dieser Arbeit – aber auch deren Dringlichkeit.

Zum Weiterlesen: ein Artikel über den Workshop „Das Erwachen des Zeugen“ 

 Jannis M. Keuerleber

Website des Kongresses

DVDs mit den Aufnahmen der Vorträge des Kongresses sind bei AVRecord verfügbar.

Nachklang Berlin: Wissenschaft | Spiritualität | Heilung

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