Version 2

Es ist denkbar einfach, ein Bild zu betrachten. Die Augen eignen sich besonders gut. Wir müssen sie lediglich öffnen, in die richtige Position bringen und die Betrachtung kann beginnen. Denkbar einfach – wahrnehmlich kompliziert. Denn ganz notwendig stößt der Betrachter hier an die Grenze des denkbar Einfachen, da er sich der Offenheit einer Wahrnehmung überantworten muss, die ihn auf ebenso notwendig unbekannte Pfade führt. Das Wissen um und über das Kunstwerk schenkt uns eine kleine Gnadenfrist, eine Restzeit in der Komfortzone der Sicherheiten dessen, was es schon gibt und was bereits verfügbar ist; gerade genug, für einen rechtzeitigen Absprung hin zum nächsten Bild, das in einem Museum für gewöhnlich nur zwei rettende Schritte entfernt hängt.

Wer diesen Moment verpasst und der Aufforderung des Bildes folgt, es anzuschauen, tritt eine Reise in unbekanntes Gebiet an. Er weiß nichts über dieses Terrain, das sich seinem Blick anbietet und beginnt sich doch darin zu bewegen. Es macht dabei tatsächlich keinen grundsätzlichen Unterschied, mit welcher Art von Bild man es dabei zu tun hat. Zwar hält besonders die figurative Malerei ebenso wie die Fotografie eine Unzahl von kleinen Fluchtwegen und Nebenausgängen bereit, aus dem Bild über eine assoziative oder interpretatorische Brücke zu flüchten, doch dann ist man eben auch raus und die Reise ist zu Ende. Die Betrachtung ist in diesem Moment tatsächlich abgeschlossen und das Bild tritt in die Unsichtbarkeit zurück; zumindest so lange, bis sich die scheinbar gewonnene Sicherheit einer Interpretation an der sinnlichen Komposition reibt, sich daran stößt oder an ihr zerbricht. Und die Reise von neuem beginnt.

Dieser Text ist ein Versuch, anhand eines unbetitelten Werkes von Cy Twombly, ausgestellt in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, den Bildprozess in einer schriftlichen Spur nachzuzeichnen. Im besten Fall kann es gelingen, damit dem Verhältnis von Denken und Wahrnehmen und ihren qualitativen Metamorphosen während eines ästhetischen Erkennens nahe zu kommen.

Das Bild bietet zunächst wenig Anhaltspunkte, fällt kaum auf. Und wenn, dann gerade seine auffallende Unscheinbarkeit zwischen einem massiven Schumacher und einem expressiven Pollock. Auf schmutzig-weißem Untergrund sind Kritzeleien mit Bleistift zu erkennen. Einzelnes scheint deutbar: mehrere Zahlenreihen, das überkritzelte Wort DELOS, die Signatur links oben, vieles entzieht sich, wie auch das Gesamte des Bildes, einer Deutbarkeit oder bleibt ambivalent. Hier und da findet sich noch wie zufällig und fleckig etwas rote Farbe und dicker aufgetragenes Weiß, in das hinein geritzt wurde. Einige Formen werden sichtbar: Ein angedeutetes Dreieck, nicht ganz geschlossen (es könnte auch ein A sein), zwei Rechtecke (links oben, rechts unten). Die hermeneutische Instabilität bringt unweigerlich Unsicherheit und die Erfahrung von Orientierungslosigkeit mit sich.

Eben diese Unsicherheit wird zur Grundstimmung der weiteren Betrachtung. Es gelingt nicht nachhaltig etwas zu erkennen. Dem unentwegten Versuch, zu erkennen, zu „verstehen“, kann sich der Betrachter jedoch kaum entziehen, und das Scheitern der Bemühung wird zunehmend anstrengend. Die Deutungsversuche gehen auf in einem inneren Rauschen unzusammenhängender Worte: Penis. Hängetitten. 2,3,4,5; 1,2,3,4,5, 6, 7,   8; Blut, DELOS…..

Es wird deutlich, dieser Teil, dieses Stadium der Betrachtung gleicht einer durchweg subjektiven Introspektive, die sich im Grunde konsequent nur aus der Perspektive des Betrachter beschreiben lässt, zwar assoziativ und interpretatorisch, doch nicht völlig willkürlich.

Dieses Rauschen ist anstrengend und macht mich schläfrig. kaum gelingt es mir, wach zu sein – etwas an diesem Bild, das spürbar sichtbar ist, aber sich dennoch meinem Blick noch entzieht, fordert mich immer wieder dazu auf, aufzuwachen. Doch genau dann verändert sich der Wörter-Chor, dieses Deutungsrauschen in einem wesentlichen Detail: Penis? Hängetitten? 2,3,4,5; 1?,2,3,4,5?, 6?, 7,   8; rot, DELOS?….. Keines der bedeutungsvollen Zeichen hält einer Überprüfung in der Anschauung stand. Decke ich die Zahlenreihe ab, bleibt z.B. keine der zeichenhaften Bleistiftspuren für sich eine Zahl. Zunehmend verklingt das Gequatsche in meinem Kopf und weicht einer intensiven Stille. Mir fällt auf: der Duktus der einzelnen Striche ist sehr verschieden.

Leicht zu übersehen, ist dieser Moment eine entscheidende Zäsur: Geführt durch den Anschauungsprozess wird die spezifische Gestaltung des Werkes nicht nur Bedingung, sondern selbst Gegenstand der Wahrnehmung ohne darin besonders aufzufallen.

Die Farbigkeit verliert zusehends die undurchdringliche Oberflächlichkeit ihrer eindeutigen Zuordnung. Kaum ist das Auge diesem Bild länger ausgesetzt, werden die Flächen an einigen Stellen schattig. An ihnen entsteht ein Farb-Rauschen und leichtes Flimmern. Ein transparentes Grün legt sich wie ein immaterieller Schleier über einige Flächen und verschwindet, unter dem Versuch ihn zu fixieren.

Der Blick wandelt sich im Anschauungsprozess: Nahm er zu Beginn die einzelnen Elemente und Pinselstriche in den Fokus und separierte sie als Einzelobjekte, die unablässig dazu auffordern, sie in Verbindung zu bringen, weitet sich der Brennpunkt des Sichtfeldes angesichts der Widerständigkeit des Bildes, Kohärenz zu erzeugen. Die Bleistiftstriche für sich treten wie in den Hintergrund, werden selbst Hintergrund für das Reich der Zwischenräume, das zu den positiven, fokussierten Gestalten der Wahrnehmung wird. Die Unterscheidung von Figur und Hintergrund verliert ihre Stabilität.

Dem Betrachter eröffnet sich unter dieser veränderten Wahrnehmungsstruktur sichtbar ein grundsätzlich anderes Bild. Es sieht anders aus, oder sieht es wie ein anderes aus? Die Geste, der Eindruck, wie es erscheint, ist so verschieden, dass man nicht mehr ohne weiteres von einem gleichen Bild sprechen kann.

Die Flächengestalten lassen sich nur für Augenblicke und mehrdeutig in ihrer Farbgebung und Tiefenwirkung bestimmen. Im Kontrast zu den hektischen Augen- und Geistesbewegungen zu Beginn findet der Blick in der Betrachtung eine meditative Ruhe. Der unbefriedigte, doch umso umtriebigere Deutungsautomatismus ist einem Wahrnehmen der unterschiedlichsten Qualitäten dieses Bildes gewichen.

Die griechische Sagengestalt Leto fand die ihrige Ruhe für die Geburt ihrer Kinder Artemis und Apollon auf Delos, einer schwimmenden Insel, nachdem sie hochschwanger von Hera verfolgt von Ort zu Ort fliehen musste. Kein festes Land konnte ihr Zuflucht gewähren und Sicherheit bieten. Das Bild stellt den Betrachter in eine analogen Situation, die ihn unruhig von einem nur scheinbar festen Bildelement zum anderen springen lässt, bis sein Blick in einem fluiden Bildprozess zu einer wachen Ruhe kommt.

Es ließe sich wahrscheinlich ein weit verzweigte Bezugsrahmen zur griechischen Mythologie an dieser Stelle eröffnen, doch ist das Wort DELOS mehrfach durchgestrichen, widerspricht sich selbst, spricht damit gegen sein Wortsein, sein Gelesen-werden. Es löst sich auf mit dem selben Nachdruck, wie es entschlüsselt werden wollte. Entscheidend für diese Betrachtung ist, wie es im Anschauungsprozess zu seiner Bedeutung gekommen ist: sie gesellte sich als intuitives, begriffliches Gegenstück zu den phänomenalen Prozessen der Wahrnehmung. Nicht als interpretatorische Leistung, sondern gedankliches Korrelat. Gemeinsam bilden sie einen anschaulichen Begriff der sich weder auf seine sinnliche Ereignishaftigkeit noch auf seine begriffliche Dimension reduzieren lässt.

Schließlich changiert die Wahrnehmung des Bildes zwischen den verschiedenen Ebenen und Wahrnehmungshorizonten: einmal dominiert die Tiefenwirkung das Erleben, dann das Farbspiel; abwechselnd treten die Farb- und Bleistiftspuren in den Vordergrund und dann wieder das, was zuvor Zwischenraum und Hintergrund war. Hatte das Bild zu Beginn die Tendenz zu verschwinden, sich aufzulösen, zeigt sich nun dieses Verschwinden und Neu-Erscheinen selbst so stark, dass es aus dem Bild herauszutreten scheint. Das Bild lässt das Wechselspiel seiner differenzierten Wahrnehmungsdimensionen als Sichtbares in die Erfahrung treten. Wobei nicht genau zu bestimmen ist, wo diese Erfahrung entsteht, denn es fällt schwer die Unterscheidung von „in mir“ und „dort am Bild“ genau zu treffen. Und dennoch kann man hier von keiner ausschließlich subjektiven Erfahrung sprechen.

Es ist die Gestaltung dieses Bildes und die Eigenart unserer Wahrnehmung, die im Spiel miteinander, jenseits aller begrifflicher Vorprägungen, die den ersten Blick geprägt haben, die Bedingungen dieser spezifischen Erfahrung stellen. Und eben diese Bedingungen sind am Werk selbst und in seiner Anschauung im Sichtbaren erfahrbar.

Dieses Bild konfrontiert mit einer tief unangenehmen und verunsichernden Situation der Orientierungslosigkeit und Anhaltslosigkeit. Es beeindruckt, ob der präzisen Unpräzision, die die Bedingung all dieser Erfahrung ist. Erst das unspezifisch suchende Auge kann beginnen zu sehen, was im Bild sich als Prozess entwickelt. In seiner Wahrnehmung wird die Aktivität des eigenen Sehens selbst erkennbar. Ein Augen-Blick, der nicht konkret etwas sucht, bzw. ein konkretes Etwas sucht, sondern vor-findet. Analog zur wandelnden Bilderfahrung, wandelt sich auch, beobachtbar am Spiegel des sich verändernden Bildeindruckes, die eigene Sehweise und die Qualität des Denkens. Fast unbemerkt kann die anfängliche Suspendierung des Denkens, das mit verfügbaren Begriffsschablonen vor der sinnliche Komplexität des Bildes kapitulieren musste, übergehen in eine intuitive Geistesgegenwart. Ebenso wie die anfänglich gegenständlich orientierte Wahrnehmungsstruktur nach und nach in eine prozessuale Offenheit übergeht, löst sich das Denken von gegebenen Begriffen und öffnet sich für einen intuitiven Erkenntnisgehalt, der sich in die denkende Aktivität einbildet. Die Vermutung liegt nahe, dass die Strukturen der Wahrnehmung und des Denkens sich analog zueinander verhalten. Die durch das Bild geführte und gewandelte Wahrnehmung transformiert die Qualität des Denkens in gleicher Weise. Anders als eine Interpretation, die gegenüber dem sinnlichen Angebot immer ein Anderes ist, ist der gewonnene intuitive Erkenntnisgehalt nichts grundsätzlich verschiedenes, sondern das geistige Korrelat des anschaulichen Prozesses. Der Bildprozess wird zum Erkenntnisgehalt.

Das Bild stellt die Frage nach Erkenntnis oder vielmehr, nach den Bedingungen, unter denen neue Sinnbildung sich herausbilden kann, die mehr ist, als die Rekombination von bereits Verfügbarem. Die Antwort führt es als selbstevidenten Prozess vor: dynamische Sicherheit auf bewegtem Grund. Delos.

Jannis M. Keuerleber

Das Bild als Erkenntnisprozess